Restaurierung eines Steinheil Refraktors aus dem Jahre 1873

Links im Bild eine Originalabbildung, daneben die Beschreibung des Instruments aus einem alten Katalog der Firma Steinheil und Söhne von 1872. Die Öffnung beträgt 162 mm bei einer Brennweite von 2.274 mm.

Bild öffnen des Katalogtitelblatts.
Das Teleskop kam nach der Wende aus der ehemaligen DDR in die alten Bundesländer. Es wurde zuvor offenbar jahrelang in einem Kohlenkeller gelagert, dementsprechend ermarmungswürdig war der Zustand. Das Bild rechts zeigt einen Blick von hinten auf den Tubusflansch des Okularauszuges.

Es war auch nicht mehr komplett als Einheit vorhanden. Es fehlten komplett:
  • Das Sucherfernrohr
  • Polblock und Rektaszensionsachse und das
  • komplette Stativ.

Diese Teile wurden komplett nach der Originalabbildung nachgebaut. Die folgenden Bilder zeigen einige Ansichten des Teleskops vor Beginn der Arbeiten.
   Das Gegengewicht (28Kg Blei) Objektivfassung Objektivdeckel    Risse im Holztubus
In der (sehr dünnen) Mahagonifurnierung des Tubus befanden sich tiefe Druckstellen. Die Lackierung des Tubus wurde mit einer Lackmischung behandelt, der mit keinem heute zutage handelsüblichen Abbeizer beizukommen war.

Der komplette Tubus wurde deshalb mit einem Schabemesser solange behandelt, bis die Lackschicht und alle Druckstellen entfernt waren. Anschließend wurde mit Snadpapier geschliffen und zum Schluss mit einem speziellen Bootslack auf einer Rollenauflage in einem auf 45 Grad aufgeheizten Saunaraum mit der Hand lackiert.
Alle Messingteile wurden soweit möglich in die Drehbank aufgenommen und bei dicken Wandstärken übergedreht. Wo dies nicht möglich war, wurde mit Sandpapier gearbeitet und zum Schluss mit feinster Stahlwolle poliert.

Aschließend wurde alle Messingteile mit transparentem, hochglänzenden Zapponlack behandelt. Die Bilder zeigen das Gegengewicht vor- und den Flansch des Okularauszuges nach der Bearbeitung.
Ein großes Problem stellte der Nachbau des kompletten Polblocks dar. Zuerst wurde ein Polblock nach einem Holzmodell aus Bronze gegossen.

Die Bearbeitung auf der Fräsmaschine erwies jedoch als zu gefährlich und die Bearbeitung wurde abgebrochen.
Stattdessen wurde der Polblock aus stufenförmig aus einem massiven Aluminiumklotz vorgefräst und anschließend mit Aluminiumspachelmasse in seine endgültige Form gebracht.

Die Halterung für die Stundenachse wurde aus Aluminium gefertigt und auf den Polblock aufgesetzt. Das Bild rechts zeigt den Polblock mit montiertem Achskreuz.


Auch nicht unproblematisch war der Nachbau des Stativs und secheckigen konischen Säule.
Die ganze Einheit wurde aus MDF-Platten zusammengebaut, anschließend mit Mahagoni furniert und abschließend ebenfalls mit Bootslack behandelt.
Ganz zuletzt bekam das Dreibein Nivellierschrauben und Rollen zum leichteren Bewegen des Teleskops.

Polblock und Stativ wurden über eine durchgehende M20 Gewindestange verbunden.
Heute steht das Gerät - neben anderen Teleskopen an seinem endgültigen Ort. Zuvor wurde das Teleskop jedoch am Sternenhimmel getestet. Abgesehen von die für Fraunhofer Objektive typische Restchromasie, zeigt das Objektiv eine extrem scharfe und kontrastreiche Abbildung; umso erstaunlicher als Objektive in der damaligen Zeit mit der Hand - und ohne die heute üblichen Test- und Messmethoden - "hingepröbelt" wurden.

Versuch einer historische Wertermittlung des Steinheil Refraktors

Ganz oben in der Abbildung steht ein Kaufpreis von 3.400 FL. FL steht für Florin (gleichbedeutend mit Bayrischen Gulden). Zur Wertermittlung wurde das Jahreseinkommen (im Jahr 1873) des Reitstallmeisters der Familie Krupp herangezogen. Es betrug 620 Florin, somit repräsentierte der Wert des Teleskops 5,5 komplette Jahresgehälter.
  • Gesamtarbeitszeit der Restaurierung, verteilt über 4 Jahre, ca. 700 Stunden
  • Reine Materialkosten ca. 3000 Euro
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